Ein letztes Mal

Morgen fahre ich noch einmal in meine Heimatstadt, um mich ein letztes Mal um die Wohnung zu kümmern und sie dann zu übergeben. Sie muss noch gereinigt werden und der Keller geräumt.
Das Besondere der Wohnung ist, dass sie in dem Doppelhaus liegt, in welchem ich meine ersten Lebenstage und -jahre verbracht habe. In der gleichen Wohnung, nur im Nachbarhaus.
Beide Dachwohnung sind ähnlich geschnitten. Die Speicher haben den gleichen Geruch. Es sind die gleichen schrägen Decken und die gleichen, kleinen Dachfenster. Vom Küchenfenster aus, sieht man in jene Gasse in der ich die ersten Schneeflocken bestaunt und die ersten Kinderspiele gespielt habe. Ich erinnere mich an ein gewaltiges Gewitter, das ich mit vier oder fünf Jahren, von diesen Fenstern aus bestaunt habe. Einen Apotheke ist in der Nähe, deren Name ich immer zauberhaft fand: „Sonnenapotheke“. Da muss man gesund werden.
In Hausnummer 7 hat mein Leben begonnen, in Nummer 5 hat das Leben meines Vaters im Sommer geendet. Auch er ist, in gewissem Sinn, zum Anfang zurück gekehrt, als er fast dreißig Jahre, nach dem wir aus Nummer 7 ausgezogen waren, sich in Nummer 5 wieder eingemietet hat.
Wenn ich am Wochenende die Tür zu ziehe, schließe ich zwei Lebensabschnitt ab. Den letzten und den ersten mit ihm. Vielleicht unsere besten.

5 Kommentare zu “Ein letztes Mal

  1. Ich wünsche dir ganz viel Kraft, denn dieser Weg ist kein einfacher. Und doch kommt immer wieder mal der Zeitpunkt, Stationen im Leben zu akzeptieren und auch abzuschließen. Die Erinnerungen werden bleiben.
    Alles Liebe,
    Anna-Lena

  2. Das Aufräumen der Wohnung, noch einmal die Kindheit nah heranlassen, die durchdringende Dichte der Vergangenheit erleben, sind letzte Liebesdienste, Teil des Abschieds. Danach ist das Bild komplett und wird von Zeit zu Zeit um den Farbauftrag einer Erinnerung erfrischt, damit es bestehen bleiben kann. Alles Gute für Dich.✨

  3. Ich wusste gar nicht, dass das Leben solche sinnreichen Zufälle bereithält. Bei unserem Vater liegt es ähnlich: Er blickt aus dem Fenster auf das Haus, in dem seine Kinder aufgewachsen sind. Sehr viel Trost liegt in Ihren Worten, vielen Dank dafür!

  4. Es ist sehr berührend, ohne sentimental zu sein, wie du über Abschiede, Trauer und Zuversicht schreibst. Ich wünsche dir innere Ruhe und Kraft und immer jemanden an deiner Seite, der deine Gedanken teilen kann.

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