Aktionismus

Bei (bestimmten) Ärzten bin ich mir immer sicher, dass sie keine Ahnung haben, was sie tun, wenn sie der Aktionismus packt. Dann wird ein Medikament an- und wieder abgesetzt, ein Bild gebendes Verfahren angeregt, aber nicht therapieführend interpretiert. An einem Tag nimmt man eine akute Entzündung an, am nächsten Tag einen chronischen Verlauf. Nüchtern betrachtet weiß ich, die haben kein Ahnung was der Patient hat und halten ihn beschäftigt, damit er das nicht spürt.

Politiker verhalten sich ganz ähnlich.
Die schreien heute „Grexit“ und stimmen im Bundesrat doch zu. Die sind gegen gezielte Zuwanderung und singen dann „Macht hoch die Tor, die Tür macht weit“ und feiern sich und das Jubelvolk, wenn bedürftige Menschen die Bahnhöfe fluten.
Man kennt das, wenn man besoffen ist und sich für omnipotent hält (ja, mein aktuelles Lieblingswort) und am nächsten Tag denkt „Scheiße, wer soll das alles in Ordnung bringen?“
Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich mit vielen Menschen zu tun habe, auch mit solchen die Asylanträge bearbeiten. Ich höre solch zauberhafte Geschichten, dass bei uns die Bearbeitung bis zu zwei Jahren dauern darf, in der Schweiz 48 Stunden. Dass bei uns die Sachbearbeiter bislang schon völlig überlastet waren und jetzt überhaupt nicht mehr wissen, wie der Ansturm bewältigt werden soll.
„Die Deutschen feiern ein zweites Sommermärchen“, habe ich heute gelesen.
Geht es noch geschmackloser?
Wir feiern kein Märchen, wie helfen Menschen die vor einem Alptraum fliehen!
In vier Wochen, wenn die Pressemeute die nächste geile Beute jagt, kümmert sich keiner mehr was aus den Flüchtlingen geworden ist. Wie die langfristige Lösung für diese Menschen lautet. Die den Ort an dem sie stranden nicht verlassen dürfen (Kinder nicht einmal für eine Klassenfahrt) und selbst bei höchster Qualifikation keine Arbeit aufnehmen dürfen.
Was bleibt, in der Party-Laune, ist der Eindruck „Das Mutti das alles schafft“.
Es ist der gleiche Eindruck, den ich manchmal bei Tumor-Patienten wahrnehme, die sicher sind, dass der Doktor das alles schafft.
Während ich mich frage, warum er die Medikament die er gestern angesetzt hat, heute alle wieder streicht.
Na, Mutti wird wissen was sie tut und, wenn nicht ist der Patient tot ehe er merkt, dass er falsch behandelt wurde.

12 Kommentare zu “Aktionismus

  1. Da muss ich für die Ärzte doch mal ein gutes Wort einlegen, ich kenne ein paar GUTE, die wissen, was sie tun und das im hippoktarischen Sinn.
    Das „Sommermärchen“ finde ich auch mehr als nur geschmacklos.
    Ich denke, spätestens zu den Griechenland-Wahlen hat die Presse ein neues Fressen. Und ich hoffe, dass die Welle der Hilfsbereitschaft nicht abreißt, Konzepte sowie Unterstützung derjenigen, die sich gerade aufreibenf olgen und ein wenig Struktur in das politische Leben kommt, denn das Thema wird uns noch sehr lange beschäftigen und fordern.

    • Für Ärzte gilt der „wenn, dann“ Teil. Definitiv gibt es sehr viele, sehr gute und gewissenhafte Ärzte. Ich suche mal nach einer besseren Formulierung. Aber die „Gießkannen“-Ärzte gibt es leider auch.

      Ich fürchte, dass sehr viele Ehrenamtliche den unkoordinierten Unfug auffangen müssen, denn die politisch Führenden gerade anrichten. Das wäre nicht so schlimm, wenn der Aktionismus nicht immer mehr Kräfte binden würde und die Antwort auf die Frage: Wie erhält man das System stabil, nicht offen bliebe.

    • Es tut sich was, aber zu Lasten, derer die die Dinge ernst nehmen.
      In unserem kränkelnden Gesundheitssystem, sind viele Dinge nur noch gut, durch die Mehrarbeit von Idealisten. Aber nicht, weil die Strukturen geeignet sind, gut zu behandeln.

      Wir leben immer weniger in einem stabilen System und immer mehr in einem wackligen Konstrukt.

  2. Bei den Po-litikern stimme ich dir sofort zu, lieber Peter, das sehe ich wie du, aber bei den Ärzten nicht, denn die ARBEITEN – im Gegensatz zu den nur sinnlos daherlabernden Po-litikern – wenigstens, obgleich sie natürlich auch nicht fehlerlos sind, so wie wir alle…
    Liebe Nachmittagsgrüße vom Lu

    • Lieber Lu, zu erst bin ich froh, dass unsere Ärzte so viel Zuspruch erfahren, im klinischen Alltag kommt dies viel zu selten vor. Arbeiten tun die meisten viel und nach bestem Gewissen.

      Aber in einem Gesundheitssystem, dass den Qualitätsanspruch aufgibt und auf Umsatz setzt, rückt eine neue Schar Mediziner nach, die leider viel zu oft „mal versucht“ statt zu therapieren.
      Viele gute Ärzte wandern in die Schweiz, nach Österreich oder nach Skandinavien ab. Es bleiben in schlechten Strukturen arbeitende, überforderte Jungmediziner die sich als „Aktionisten“ versuchen.
      Womit wir wieder bei den Po-litikern wären die das ändern könnten …

      Einen lieben Gruß vom See
      Pe

  3. Ich glaube das Ärzte-Thema ist einen eigenen Beitrag wert …
    Wie immer, wenn ich polemisch bin, fehlt die Differenzierung.
    Es gibt diesen Ärzte-Typ und es gibt ihn leider immer öfter. Aber es bestehen große Unterschiede zwischen Klinik und Praxis, zwischen Allgemeinmedizinern und Spezialisten.
    Die jungen, motivierten Ärzte geraten in eine Hackordnung aus Chefarzt-Hierarchie, Zahlen für die Geschäftsführung und Standards der medizinischen Fachgesellschaften.
    Eine gute Behandlung basiert auf einer guten Diagnose. Aber dafür ist erst keine Zeit, die Fachgesellschaft verlangt ein schrittweise Vorgehen, (selbst, wenn der Mediziner genau wüsste, wie es direkt besser wäre) und die Geschäftsführung will die Untersuchung, die Geld bringt und nur, wenn sie Geld bringt.
    Also die anderen gibt es auch, man muss nur ein bisschen länger suchen 😉

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