„Die Geburt der Tragödie aus dem Geist dionysischer Lebensfreude“

So heißt eines der frühen Werke Nietzsches.
Er beschreibt, ohne je dort gewesen zu sein, ziemlich exakt die Volksseele Griechenlands. Falls man von einer solchen ausgehen kann.
Die Griechen sind ein wehmütiges Volk, ein Volk nahe der Depression.
In der Jugend neigen sie dazu, sich ins Feiern des Lebens zu flüchten, wie ihre Kreistänze, ihre Gastfreundschaft und nahe zu grenzenlose Hilfsbereitschaft zeigen. Später, wenn sie müde und mürbe werden, wendet sich das in ein klagendes Zurückblicken und Lamentieren.
Die Musik der Griechen kennt drei große Themen: die Liebe, das Meer, die Fremde; daraus bauen sie das ganze Spektrum des Lebens.

Wenn in den letzten Wochen die mangelnde Steuermoral der Griechen in den Mittelpunkt gestellt wurde (ich war ganz überrascht, dass wir Deutschen alle gerne (und immer exakt den Einkünften) Steuern abführen) blieb dabei ein Aspekt unbeachtet: die Griechen verweigern sich nicht der Steuern, weil sie kein Gespür fürs Gemeinwohl haben, sondern, weil sie dem Staat misstrauen und lieber selbst verfügen wer was von ihren Ersparnissen bekommt.
Dann verändert sich das Bild. Plötzlich hilft jeder dem anderen und trägt bei, was er beitragen kann, damit die konkrete Gemeinschaft erhalten bleibt.
Gut, wenn es bei uns ein „Schwarzbuch der Steuersünden“ gäbe, könnte man darüber philosophieren, ob man sein Geld nicht zielführender anlegen würde, überließe man es nicht der Misswirtschaft der Politik, aber da unsere Steuergelder immer genau da landen, wo sie hingehören …

Die Griechen, ich habe sie nicht verändert erlebt, nicht vernünftiger, nicht strukturierter, als sonst, sondern wehmütig und zerrissen, wie immer.
Ein tiefer Spalt geht durch diese Gesellschaft. Die Jugend, die ist schon weitgehend Weltbank-Zertifiziert. Keine Individualität, keine Ideale. Die betet schon das Mantra der Moderne:
Nur der der leistet verdient Wohlstand, was Leistung ist definiert der Markt, der Markt ist der Herr der Welt und trägt zu ihrer Besserung bei.
Aber die Alten, die noch immer stundenlang Netze flicken, obwohl es kaum mehr Boote gibt, die zum Fischen hinaus fahren, die wirken verloren und abgekoppelt.

Wenn aber der Mensch keine Zeit mehr hat, um wehmütig zu sein, um über das Meer nachzudenken, einer verlorenen Liebe nachzutrauern, um in der Fremde von der Heimat zu träumen, ist er dann noch Mensch?

10 Kommentare zu “„Die Geburt der Tragödie aus dem Geist dionysischer Lebensfreude“

  1. In der Tat, ein hoch interessantes Werk.
    „Die Wiederkunft des Dionysos“, von J.H.W. Rosteutscher (antiquarisch für ein paar Euro) bietet exzellente Abhandlungen über die „Jünger des neuen Dionysos“, von Hölderlin bis Mann, inkl. ein fesselndes Kapitel über Nietzsche.
    Sie werden es lieben.
    Grüße

  2. Es ist schon lang her, dass ich auf der Insel Patmos war. Lange bevor diese Eurokrise Griechenland beutelte. Die Insel besuchte ich zweimal. Zwei alte Damen hatten dort ein kleines Café. Sprachen nur Griechisch, kein Englisch. Schmissen den Laden alleine. Ich fand noch mehr Freunde dort…den Taxifahrer, der mir immer Gardenien schenkte, weil ich den Duft so mochte. Das Brüderpaar mit der Musikkneipe, der eine studiert und gebildet, der andere ein Handwerker, beide herzensgebildet und offen. Für diese Menschen lernte ich so viel Dhimotiki wie ich konnte, besonders jedoch für die alten Schwestern, lernte ich auch das kyrillische Alphabet. Ich besuchte mit den beiden Chora, sie betreuten eine Kirche in der Kirchenstadt, die auf dem Berg thront. Ich half ihnen im Café und sie erzählten mir von ihrem Leben, kinderlos geblieben, keinen Mann gefunden, nicht einfach für Frauen in Griechenland. Kinder sind Wohlstand. Als ich abreiste, nach meinem ersten Besuch, gab mir Stamatia, die Jüngere ein sternförmiges Spitzendeckchen mit, dass sie in stundenlanger Häkelarbeit gefertigt hatte. Es sollte mir Glück bringen. So etwas schenken in Griechenland Mütter ihren Töchtern zur Hochzeit, das erfuhr ich viel später von dem griechischen Freund, der mir half, die Briefe, die die Beiden mir nach Deutschland in schnörkeligem Kathaverusa schrieben, zu übersetzen und zu beantworten. Auch die anderen Freunde schrieben. Mittlerweile sind die alten Ladies tot. Der Kontakt riss irgendwann ab. Als ich dann auch nicht mehr zu ihnen reisen konnte und sie in die Arme schließen.
    Besondere Menschen, alle, die ich dort kennenlernen durfte. Sie hatten etwas Wehmütiges, eine Art stiller Melancholie und was ich noch fand, war eine Beständigkeit, Treue und Verbundenheit, wie man sie von Freunden kennt, die es ernst meinen. Viel Gefühl und Herzlichkeit.
    Warum ich das schreibe?
    Es sind Eindrücke, einfach Eindrücke. Die nicht generalisieren wollen oder urteilen über eine Mentalität, die ich so gut nicht kenne…
    Was mir jedoch auffiel waren auch Touristen aus Deutschland, die sich schlimm benahmen. Arrogant, als seien sie etwas Besseres und nicht Gäste eines Landes.
    Danke für den Nietzsche-Tipp.
    Ich glaube, den möchte ich gern lesen.
    Ich wünsche Dir ein gutes Wiederankommen.
    Liebe Grüße✨

    • Vielen lieben Dank für diesen wunderschönen, nachfühlbaren Kommentar. Darin steckt eigentlich alles was ich in den letzten Jahren über die Griechen lernen durfte. Nietzsches Buch bezieht sich nicht spezifisch auf Griechenland.

      Als ich meine Frau, welche Halbgriechin ist, kennen gelernt habe, war Griechenland mir ein fremdes Land. Ich kannte Spanien, Frankreich und Italien, aber Griechenland war ein dunkler Fleck im Süden.
      Die ersten Reisen nach Griechenland führten nicht zu einer Liebe auf den ersten Blick. Für jemand der gewohnt ist im 1/2-Stunden-Rythmus zu arbeiten ist „Sigar, Sigar“ die Hölle. Pünktlichkeit eine meiner Kardinaltugend, in Griechenland nicht existent. Mir war auch zu heiß. Das Land zu trocken. Die Sprache unverständlich.

      Aber das Meer fand ich toll und dieses karge, spartanische Leben. Und ich hatte einen tollen Schwiegervater der in diesen Tagen leider von uns gegangen ist.
      So wurde ich regelmäßiger Besucher Griechenlands. Lernte die Gastfreundschaft schätzen und die Menschlichkeit. Lernte das Rücksichtnahme mehr sein kann, als Pünktlichkeit. Lernte das Essen lieben. Lernte die antiken Stätten des Peloponnes kennen. Las mich in die Geschichte ein. Entdeckte die Berge Griechenlands und lernte Griechenland langsam lieben.

      Dass ich während dem Grexit manchmal Position bezog, war Ausdruck meiner Abscheu gegen unsere Borniertheit. Die drückt sich ja nicht nur gegen die Griechen aus. Wir haben allem gegenüber (als publizierte Masse) eine Art Herrenmenschentum. Wir schauen herab, aber würden wir zurück sehen wüssten wir wie viele Kulturen lange vor uns waren. Wir sind wir besserwisserische Teenies, ohne Plan und ohne Anstand.
      Da in dieser Zeit mein Schwiegervater seinen letzten Wochen entgegen ging, noch immer arbeitend, noch immer jedem Nachbarn helfend, sein Geld nicht abziehend, während mir die Medien das Bild vom faulen, rücksichtlosen, griechischen Frührentner zeichnen wollten, konnte ich dazu nicht schweigen.

      Die Griechen haben mich nichts davon spüren lassen. Damals nicht und nicht in diesen Tagen. Aber ich habe mich geschämt für Schäuble und all die anderen Wasserträger des Kapitals.
      Die menschliche Seite Griechenlands für die Du wundervolle Beispiele genannt hast, blieb unerwähnt, vielleicht, weil wir auf diesem Auge blind sind.
      Zum Glück nicht alle.
      Deshalb danke ich Dir doppelt!

      • Von anderen Mentalitäten können wir immer dazulernen, offener werden und weiter. Dem in der Regel pünktlichen und ordnungsliebenden Deutschen mit der gründlichen, oft leider auch selbstverliebten Denkermentalität kann deshalb die griechische Gelassenheit entgegenkommen. Durch Politik und die Medien entsteht oft ein verzerrtes Bild. Darum ist es so wichtig von diesen Dingen zu schreiben, sie zu erwähnen, denn je mehr Reflektion stattfindet, um so besser kann ein Bild sich vervollständigen und entzerrt werden. In fremden Ländern sind die Deutschen, auch die Amerikaner mir oft unangenehm aufgefallen. Da kommt mir auch das elitäre Übermenschbild, dünkelhaft und von Geburt bessergestellt, unangenehm in den Sinn….
        Jedes Volk hat seine Eigenarten und grundsätzlich mag ich keine Generalisierungen…
        Griechenland ist ziemlich schlecht geredet worden, ich vermisste in den Diskussionen, wie Du auch, die Menschlichkeit.
        Ich hoffe sehr, politisch recht ungebildet wie ich leider bin, dass gute Lösungen gefunden werden können.
        Was Du von Deinem Schwiegervater schreibst klingt danach, dass mit der entsprechenden Bereitschaft viel, sehr viel bewegt werden kann.
        Er war ein couragiertes Beispiel für Mitmenschlichkeit und Beherztheit im Tun, nicht Reden. Das lebt weiter…
        Ganz liebe Grüße ✨

      • Danke, liebe Karfunkelfee für die Ergänzung.

        Das Verallgemeinernde ist ein großer Nachteil der Sprache. Vielleicht müsste man sagen „es gibt etwas deutsches“ und nicht „es gibt den Deutschen“ etc.

        Bleiben wir dran: aus schwarz/weiß bunt zu machen 😉

        Einen lieben Gruß vom See

      • Machen wir’s bunt, Peter! Das ist eine sehr gute Idee. Ich bin dabei. Und …ich bin auch manchmal…’deutsch’…😉
        Liebe Grüße und schönes WE aus dem schwülen gewitternden Teuto…✨

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