Autsch!

„Wer den Leser kennt, der tut nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser – und der Geist selber wird stinken. Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken.“

So schrieb Nietzsche 1885 in seinem damals erschienen Buch „Also sprach Zarathustra“ Harte Sätze, wenn man sie zu Ende denkt.

Aber machen wir sie nicht wahr, mit der Art wie wir lesen und schreiben?
Bei den Römern war Schreiben etwas für alte Männer, die jungen sollten sich durch Taten beweisen, ehe sie berechtigt waren ihre Weisheiten nieder zuschreiben.
Von* „Echo der Frau“ über „Bild“ bis zu „Focus“, „Spiegel“ und „t-online“ muss man schon sehr humanistisch gesinnt sein, um an den Geist und Sinn der Aufklärung zu glauben.

Nietzsche soll, so habe ich gelesen, zu Lebzeiten, zwölf Exemplare des „Zarathustra“ verkauft haben. Nachher hat er die europäische Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts bestimmt. Auch unheilvoll, aber es würde zu weit führen, hier zu diskutieren, an wem das lag. Hat er zu kraftvoll und provokant geschrieben, wurde er zu unreflektiert gelesen?

Was bleibt sind seine Gebirgsbach klaren Gedanken.

„Wer den Leser kennt …“. Es ist wie beim Arzt „Husten? Ich schreib ihnen Antibiotika auf.“
Distanz ist hilfreich. Man hört besser zu, wenn man nicht glaubt alles zu wissen.

„Und der Geist selber wird stinken.“* … rassistische Blogs, „Bauer sucht Frau“, Werbung, Super RTL, TV-Shopping …

„Das jedermann lesen darf“ müsste man das nicht fortsetzen mit  „versetzt ihn in einen Zustand besonderer Verantwortung für das was er liest, wie viel er liest und wann. Für das was er tut und reflektiert. Ruht auf 5000 Jahren menschlicher Kulturgeschichte mit der Keilschrift beginnend.“

Und dann „Ey, Alder ich schreib Dir WhatsApp“ …

Autsch!

Quelle: F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Vom Lesen und Schreiben, Reclam, 1990

* Ich habe auf die Nennung von Büchern verzichtet, da das einzelne Menschen und ihre Arbeit diskretieren würde. Die, die hinter Zeitschriften und Sendern versteckt sind, schaffen das.

7 Kommentare zu “Autsch!

  1. Heutzutage ist es in beide Richtungen schwierig, denke ich mir. Als Leser aus der schieren Menge der Veröffentlichungen das zu finden, was wirklich passt und andererseits als Autor so herauszustechen, dass man das richtige Publikum findet !
    Nietzsche war ja auch auf der Suche…und ich wette, es gab mehr, die interessiert gewesen wären, auch oberhalb seiner „Messlatte“ !

  2. *schmunzelt* Ach, das wäre eine interessante Diskussion. Inwiefern führt es zum Wertverfall, dass jeder Lesen können sollte. Andererseits sollte man vielleicht eher das begrenzen, das es zu lesen gibt.

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