Bäume auf Wanderschaft

Manchmal kommt es vor, dass sich auf unserem Balkon ein Baum auf Wanderschaft verirrt. Ein Baum auf Wanderschaft? Ja, ja die machen sich mit flugsaatigen Füßen auf den Weg und wandern von hier nach da. Manchmal kommt der eine oder andere, bei mir vorbei.
Es sind stille Gäste die ich zum Teil gar nicht gleich bemerke. Sie übernachten in einer Rinne, die dem Regenabfluß dient und schaffen sich ein heimliches, keimiges Lager.
Ich mag sie diese Vagabunden. Sie erinnern mich an Ideen, die ich zu Geschichten habe. Auch die sind oft klein und hausen im Schatten und ich muss sehr aufmerksam sein und sie gut pflegen, damit sie wachsen.

Gerade in diesem Sommer hat sich wieder ein Keim in der Rinne verirrt. Ich habe ihn bei uns aufgenommen und er hat jetzt ein eigenes Zimmer wo er heran wachsen kann.

20150722_161441[1]

Oft kenne ich, zu Anfang die Namen meiner Besucher gar nicht und muss ihnen Fantasienamen geben. So wie ich meinen Geschichten Arbeitstitel gebe, bis ich weiß, ob sie wachsen und stark genug.
Ja, es sind nette, stille Gäste, die wenig wollen. Etwas Licht, etwas Aufmerksamkeit, etwas Wärme, fast, wie Menschen.

Vor einigen Jahren, es mögen vier oder fünf sein, habe ich zum ersten Mal einen solchen Wanderer aufgenommen. Damals hatte ich Zweifel, ob der kleine Kerl, dessen Namen ich nicht kannte, den Sommer überlebt oder den strengen Winter der folgte.
Er schaffte es.
Aber, ich nahm ihn nicht sehr ernst und bot ihm immer nur wenig Platz an. Aber er wurde mir ein treuer Begleiter. Dieses Jahr dachte ich: es ist Zeit! Es ist Zeit für einen ordentlich Platz. Und sieh an, wie aus einer blassen Idee eine ordentliche Geschichte werden kann, wurde aus dem ehemals dürren Keim:

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ein prächtiger Schattenspender der mich vieles lehrt.

Man sollte an nichts achtlos vorüber gehen, was das Leben einem schenkt. Wenn man es pflegt und sich kümmert, kann etwas großes und schönes daraus wachsen. Es braucht nicht viel, nur etwas Licht und Aufmerksamkeit.

14 Kommentare zu “Bäume auf Wanderschaft

  1. Wertester, das ist jetzt die treffendste Parabel, die mir je den Wimpernvorhang öffnete! Wie gut, daß Aufmerksamkeit stets ihre eigenen Wege findet…
    Lichtspendende Grüße,
    Ihre Pflegebereite aus Lipperlandien.

    • Werteste, ich danke der Lichtspende. Man kann gar nicht genug von den Pflanzen lernen, sie wissen´s am Besten.

      Ihr grüner Daumen vom See, der Nacht bedürftig.

  2. Dein Gast sieht aus wie eine Robinie.
    Deine Geschichte liest sich sehr schön…Du hast einen trefflichen Vergleich gezogen.
    Wie ein Baum spendet eine gut erzählte Geschichte kühlende Linderung der alltagsgebeutelten Seele, ist eine Geschichte ein Platz der Lebendigkeit, der zum Verweilen einlädt, braucht sie Zuspruch, Wärme und das Licht im Herzen, um gut gedeihen zu können. Einen Ort, an dem sie geschrieben werden kann.
    Warum nicht – unter einem Baum…?😊✨
    Liebe Grüße und Dank für die schöne Parabel.

    • Ich bin noch nicht sicher, ob der Vorname Robi lauter oder Eber(esche) Wuchs und Dornen legen beides nahe, eine Blüte hat sich noch nicht gezeigt.
      Ich lasse mich überraschen 🙂

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