Iss` der doof!!!

Das scheint (in Deutschland?) eine verbreitete Haltung, wenn man freundlich ist oder (fast noch schlimmer) nett. Also im alltäglichen und geschäftlichen Umgang. Als Dienstleister ist es okay. Da wird es schon fast erwartet. Aber, Danke sagen, freundlich sein, Zurückhaltung zeigen, das gilt, so weit ich es beobachte und pflege, als Schwäche. Wenn man verhandelt, wenn man im öffentlichen Raum kommuniziert.

Ich merke das speziell beim Bewerben, Vorstellen und Unterstützung-Suchen für meine Bücher. Wenn man nicht groß tut, Scheiße nicht zu Gold erklärt, kontinuierlich, verlässlich arbeitet, statt expressiv und zufällig, dann nimmt einem keiner so richtig ernst. Also gut, man kann die Bittstellerhaltung einnehmen. Also man lässt das Doof-Urteil zu, nimmt die Rolle an und findet dann so eine Mitleidsunterstützung. Aber solide, gewissenhaft, ernstzunehmend, das gilt auf dem Markt nichts.

Ich frage mich, ob das eine Folge davon ist, dass Künstler, über die Jahrhunderte, sich aus der Erwerbstätigkeit immer mehr zurück gezogen haben und zum Erfolg mit ihrer Kunst verdammt sind. So dass sie als Bettler oder Clowns (Beuys, Morrison, Kurt Cobain – es geht auch tragisch) sich völlig verausgaben müssen, damit sie Aufmerksamkeit und Bewunderung (im Sinn des Königs neuen Kleider) erhalten. Dann tritt kommerzieller Erfolg ein. Selbst ein Grass muss seine Wehrmachtsvergangenheit ausgraben, um sein anschließend erscheinendes Buch besser verkaufen zu können. Das ist doch arm(-selig).

Ich sehe ein, dass Schauspieler das tun müssen und auch Musiker (DSDS ist sozusagen die Premiumausgabe von Seelenstrip und Schönheitsoperation an der Seele). Aber was macht, dass wir das brauchen? Also wir Kunstkonsumenten. Warum nehmen wir die Stillen nicht ernst?

Goethe schreibt (sinngemäß) „Wer auf den Markt tritt und den Schlüssel zu seinem Herz nicht wegwirft ist ein Narr.“ Nietzsche findet (sinngemäß) „Du darfst ihnen nur deine Tatze geben und lass sie auch spüren, dass sie Krallen hat.“
Jetzt habe ich nicht die Intention mit John Lennon einzustimmen und „Give Peace a Chance“ zu singen. Ich glaube gar nicht, dass sich alle mögen und lieb miteinander sein können/müssen. Mich stört, das man wie unter Hunden knurren muss, um seinen Platz im Rudel zu finden.
Es gibt ein sehr schönes Beispiel aus der Affenforschung. In einem Rudel übernahm ein sehr grobes Männchen die Führung. Den Rudeln (ich glaube es waren Bonobos, untersucht hat das ganze Franz de Waal in seinem tollen Buch „Wilde Diplomaten“) stehen zwar Männchen vor, aber da ein Frauenüberschuß herrscht, können die sich nur behaupten, wenn sie die Unterstützung der Frauen haben. Kurz und gut, dieses Imponiermännchen führte innerhalb kurzer Zeit das Rudel an den Rand des Zusammenbruchs. Daraufhin setzten die Weibchen ihn ab. Gaben ihre Unterstützung einem ruhigen aber umsichtigen Alpha-Tier, welches das Rudel wieder stabilisierte.

Also die Affen haben es kapiert. Jetzt müssen wir nur aufpassen, dass sie uns auf der evolutionären Autobahn nicht wieder überholen!

Ich persönlich habe damit mittlerweile weniger Probleme, die Lebenserfahrung festigt, aber ärgern kann es mich noch immer. Vor allem, wenn ich daran danke, welche Mentatlität wir damit prägen.
Ein Stück davon bekommt ja jeder zu spüren, wenn wir bei den netten Spaniern, den freundlichen Schweden, den höflichen Japanern, als Touristen auflaufen. Also eine Sehnsucht ist schon da, aber vielleicht baden wir noch immer den Drill des 3. Reiches aus. Die Volksseele scheint noch nicht genesen vom Glauben an den „harten, starken, kampflustigen“ Machtmenschen.

Also, in diesem Sinn, bedanke ich mich für das Interesse, freue mich, wenn jemand mein Buch weiterempfiehlt und wünsche ein schönes Wochenende.

Güte, Liebe, Mitgefühl, Sanftheit sind keine Dinge für Weichlinge. Sie sind Dinge, nach denen die Welt sich letztlich sehnt.
Desmond Tutu, Friedensnobelpreisträger

8 Kommentare zu “Iss` der doof!!!

  1. Tröstlich ist doch schon einmal der Gedanke, dass man dieses Prinzip erkennt, und dass sich oftmals die, die sich so gut selbst darstellen können, sehr lächerlich machen – Erfolg hin oder her!
    Das Beispiel mit den Affen hat mir nur zu gut gefallen!
    Beste Grüße,
    Birgit Marienthal

  2. Ich denke, die Menschheit kommt ohne Menschlichkeit nicht aus. Und Menschlichkeit heißt auch Mitgefühl, heißt auch freundlich-sein. Ich finde, dass sogar die meisten so sind, aber nicht alle. Wenn man sensibel ist, dann trifft einen das. Andererseits freut jedes Lächeln, jedes freundliche Wort, jede freundliche Geste.

    Liebe Grüße ins Wochenende!

    • Danke Dir liebe Diana,

      war ein Beitrag mit interessanter Wirkung. Er wurde innerhalb weniger Tage weit überdurchschnittlich oft gelesen, aber im Verhältnis dazu weit unter Durchschnitt geliked. Da kann man drüber philosophieren und analysieren 😉

      Eine schöne Woche
      Peter

  3. Iss` der doof!!! – Über freundliches und dankbares Verhalten! | Lesbar und Texterei von Texthase Online

Indem du einen Kommentar verfasst, stimmst du den im Datenschutz beschriebenen Angaben zu. Ich gehe mit deinen Daten sorgfältig um, sie sind aber, im hier öffentlichen Raum frei zugänglich. Um das Risiko für dich gering zu halten, habe ich die Avatar-Ansicht deaktiviert. Von alldem abgesehen: ich freue mich, wenn du kommentierst :)

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.