Steppenwölfe

„… und unglücklich konnte er auch andre machen, nämlich wenn er sie liebte und sie ihn. Denn alle, die ihn lieb gewannen, sahen immer nur die eine Seite in ihm. Manche liebten ihn als einen feinen, klugen und eigenartigen Menschen und waren dann entsetzt und enttäuscht, wenn sie plötzlich den Wolf in ihm entdecken mussten. (…) Es gab aber auch solche, die gerade den Wolf in ihm liebten, gerade das Freie, Wilde, Unzähmbare, Gefährliche und Starke, und diesen wieder war es dann außerordentlich enttäuschend und jämmerlich, wenn plötzlich der wilde, böse Wolf auch noch ein Mensch war, auch noch Sehnsucht nach Güte und Zartheit in sich hatte, (…). Gerade diese waren meistens besonders enttäuscht und böse, und so brachte der Steppenwolf seine eigene Doppeltheit und Zwiespältigkeit auch in alle fremden Schicksale hinein, die er berührte.“

H. Hesse, Der Steppenwolf, Suhrkamp TB175

Metamorphose

Immer, wenn wir uns verändern, schärft dies unser Bewusstsein, dass nichts gewiss ist.
Die Ungewissheit lässt uns fühlen, dass wir nichts halten können, nichts schaffen oder bewahren –
plötzlich treiben wir ins Weite, wie ein Boot, welches sich vom Anker gerissen hat.

Wir sehnen uns nicht, wieder Land und Sicherheit zu finden.
Im Gegenteil, wir sehnen uns nach Abenteuer und Schicksal,
ganz gleich, ob uns Gefahr und Untergang droht.

Wichtig ist nur, dass das Leben pulsiert,
denn „sicher“ ist, in diesem Zustand, synonym für „tot“ …

PGF 03/17

Unerklärlich

Wie will man das erklären?
Führen wir aus oder führen wir?
Wie erklären wir dieses immanente Programm in uns, das mit der Nidation beginnt, unsere Zellen antreibt sich zu mehren, zu differenzieren und organisiert, zu uns zu werden?
Wie erklären wir diese Omnipotenz? Die sich spezialisiert und wächst und verzweigt und funktioniert, in der Gravitation eines Planeten, der mit anderen, um eine Sonne kreist?
Wie erklärt man, dass dieses gewordene System, mit einer gewordenen Umwelt interagiert, nicht um ewig zu expandieren, sondern, um irgendwann von der Zellexpansion den Weg zur Apoptose zu wählen?
Ist es ein blindes Programm oder sind wir der Programmierer oder hat Etwas uns, von langer Hand programmiert und wir laufen am Faden, einem nie verstehbaren Ziel entgegen?
Wie will man das erklären?
Diesen Impuls der zu Asche wird.
Wie erklärt man es?

03/17 PGF

Tore

Manchmal aber sind Augen keine Augen, sondern Tore, offene, helle Tore, durch die wir eintreten und mit Wärme umfangen werden.
Wir sehen uns um, ehrfürchtig und dankbar und alles was wir sehen und spüren ist uns vertraut, als wären wir nicht fremd, sondern als wären wir Zuhause, als wären wir bei uns –
und wir wagen kaum zu atmen, damit der Moment nicht verloren geht und wir wollen uns nicht bewegen, denn wir könnten etwas zerstören und sei es nur dieser Augenblick …
obwohl Zeit in diesem Moment gar keine Bedeutung hat,
weil Zeit –
Zeit ist nicht mehr, wenn Seelen miteinander verschmelzen …!
Wäre es möglich, dass Seelen verschmelzen,
wenn man in Augen sieht, und glaubt eintreten zu können, wie durch offene Tore …

PGF 03/17