Was zurückbleibt

Weißt du, als du dich damals aus meinem Leben zurückgezogen hast … das war schmerzhaft, wie das Ende einer schönen Reise oder, wenn man umziehen muss; umziehen, obwohl man nicht möchte … ich hatte das Gefühl, es bleibt nichts zurück.

Aber, du hast manches in mir hinterlassen, in mir abgelegt, wie in einem Regal.
Nein, keine Sorge!
Keine Schachtel mit Groll und Enttäuschung.
Vielleicht dort hinten in der Ecke, ein winziges Kistchen.
Nein, es sind viele Bilder, Skizzen von Momenten und schöne Mappen mit Augenblicken.

Ich glaube, du hast nie etwas anderes gewollt.
Du hast dich irgendwann entschieden, nicht glücklich sein zu dürfen.
Du willst nur das andere glücklich sind
und ahnst nicht, dass das so gar nicht geht:
Du nimmst das Glück ja wieder mit, wenn du gehst.
Vielleicht ist es dein Recht …

Ob, in dir was von mir bleibt?
Ob ich, in dir etwas niedergeschrieben habe?
Ob da Sätze oder gar Verse zu finden wären,
vielleicht sogar der Anfang zu einem schönen Roman?
Ob es ungelesen bleibt, wegradiert wird,
zerknüllt und in den Kamin geworfen?

Weißt du, als du dich damals aus meinem Leben zurückgezogen hast, schrieb ich Seite, um Seite, als könnte ich so die Reise verlängern, den Umzug vermeiden … ich hatte das Gefühl, es bleibt nichts zurück.

12/17 PGF

Unser Inneres

Unser Inneres ist ja ein furchtbares Durcheinander aus Höhlen und Blut, aus Pulsen und Gedärm, aus peristaltischen Windungen und pochenden Kammern, es ist ein neben- und ineinander, ein alles verdauen und alles wieder loslassen, ausscheiden müssen.
Wüsstest du zu sagen, wo dein Herz liegt? Vermutlich.
Aber dein Magen? Schwieriger …
Die Kurvaturen?
Wo die Lunge endet und die Leber beginnt?
Wie die Klappe heißt, die spätestens dann deine Aufmerksamkeit fordert, wenn sich dein Blinddarm entzündet?
Und das ist alles, das fassliche Innere, welches zu lernen, zu tasten, zu verstehen wäre!
Wie ist es mit dem anderen Inneren, mit diesem Durcheinander an Hoffen und Verzweifeln, Vereinsamen und Vereinen, mit diesem Puls des Glücks, diesem Pochen der Liebe, diesen Krämpfen der Angst … gibt es hier überhaupt eine Chance, des Lernens und Verstehens, eine Art Tastsinn der Seele?
Es ist – und dies wissen wir – Wärme in unserem Inneren und ein schlagendes Herz und ein Gewinde, welches sich vor Glück und Angst zusammenzieht und uns zeigt, dass wir fühlende Geschöpfe sind.
Dieses Innere klärt sich auf, wenn wir fühlen, was wir fühlen und es nicht bedecken mit Moral und seltsamen Forderungen, wie wir fühlen sollten.
Vielleicht verstehen wir nie sein Fließen, woher und wohin, aber, wie die Dinge in uns liegen, dies können wir begreifen …

12/17 PGF

Eine gute Lehre

„Mich ekelt auch dieser großen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier und dort ist nichts zu bessern, nichts zu bösern.
Wehe dieser großen Stadt! – Und ich wollte, ich sähe schon die Feuersäule, in der sie verbrannt wird![427]
Denn solche Feuersäulen müssen dem großen Mittage vorangehn. Doch dies hat seine Zeit und sein eigenes Schicksal. –
Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht mehr lieben kann, da soll man – vorübergehn! –

Also sprach Zarathustra und ging an dem Narren und der großen Stadt vorüber.“

F. Nietzsche

Quelle: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Also+sprach+Zarathustra/Dritter+Teil.+Also+sprach+Zarathustra/Vom+Vor%C3%BCbergehen

Zärtliches Schweigen

Manchmal, wenn ich dem Abend meinen Tag anvertraue,
wenn ich ihm erzähle,
wie ich mein Licht über den Tag warf
und es nur in Schatten fiel,
wenn ich ihm erzähle,
von Worten die mir in den Schnee fielen und dort erfroren,
dann schweigt der Abend zärtlich –
wie ein Freund der genau weiß, dass er nicht helfen kann,
aber schweigt, weil Zuhören hilft –
während ich Sätze zwischen den Fingern drehe,
aber sie nicht sage,
weil ich so froh bin,
über dieses zärtliche Schweigen,
wie nur der Abend es kann.

12/17 PGF